Impulskontrolle bei Hunden

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Impulskontrolle bei Hunden

Die Impulskontrolle ist ein spannendes Thema, welches sowohl bei uns Menschen als auch bei Hunden tagtäglich eine ganz wichtige Rolle einnimmt. Im Folgenden zeigen wir dir die wichtigsten Daten und Fakten zur Impulskontrolle bei Hunden. Außerdem geben wir dir Tipps, wie du mit mangelnder Impulskontrolle umgehen kannst.

Impulskontrolle bei Hunden - was ist das überhaupt?

Zerlegen wir den Begriff „Impulskontrolle“ stellen wir fest, dass es sich aus den Worten „Impuls“ und „Kontrolle“ zusammensetzt. Den „Impuls“ kennen wir bereits aus der Schule. Ob im Physik- oder Lateinunterricht, das Wort und dessen Bedeutung kommt in vielen Zusammenhängen vor. Auch in unserem Alltag nutzen wir es. Denn schnell sagen wir einmal, dass ein Mensch oder auch ein Hund impulsiv reagiert und damit meinen wir oft unüberlegt und unvorsichtig, ohne dabei an die Konsequenzen zu denken. Mit dem Impuls verbinden wir einen gewissen innerlichen Antrieb.
Fügen wir nun noch das Wort „Kontrolle“ hinzu, verbinden wir damit den Sinn einer Überwachung, die Aufsicht, Herrschaft oder gar Überprüfung. Es geht also bei der Impulskontrolle bei Hunden darum, den innerlichen Antrieb zu überwachen bzw. ihn zu beherrschen.

Keine Impulskontrolle bei Hunden = unkontrolliertes Handeln

Wir wissen, dass Lebewesen ihre Handlungen mit einem Gleichgewicht aus Antrieb und Hemmung lenken. Dies bedeutet, dass den Antrieben jeweils Hemmungen entgegengesetzt werden. Ist es für das Lebewesen nicht möglich, den Antrieben die entsprechenden Hemmungen entgegen zu setzen, ist es nicht möglich, den Antrieb zu kontrollieren und es entsteht unkontrolliertes, impulsives Handeln.
Die Impulskontrolle wird insbesondere in der Hundeerziehung oft diskutiert. Schließlich wirken in unserem Alltag regelmäßig und im hohem Maße Reize auf unsere Vierbeiner ein. Dabei möchten wir aus den unterschiedlichsten Gründen, dass unser Hund bei jedem Reiz sich möglichst ruhig, entspannt und unauffällig verhält. Im Hundetraining lernt der Hund, sein Verhalten oder eine Handlung in bestimmten Situationen zu unterlassen und abzuwarten. Mit Hilfe verschiedener Techniken wird ihm ein Alternativverhalten beigebracht, welches er in der jeweiligen Situation zeigen soll.

Einwirkende Faktoren bei einer Impulskontrollstörung

Um eine Impulskontrollstörung feststellen zu können, bedarf es einer genauen Vorgehensweise und Anamnese. Denn die Ursachen sind vielfältig und nicht immer gleich ersichtlich oder voneinander zu trennen. Klar ist jedoch eins, Störungen der Impulskontrolle hängen mit Veränderungen im zentralen Nervensystem zusammen. Solche Veränderungen können nicht nur bereits vorhanden sein, sondern auch durch Einflüsse geformt werden. Es ist daher ein genauer Blick auf den Hund, seine Lebensumstände sowie auf seine Entwicklung und Erfahrung erforderlich.

Impulsiver Charakter

Zeigt ein Hund impulsives Verhalten bedeutet dies nicht gleich eine Erkrankung. So wie bei uns Menschen auch, können starke Verhaltensweisen durchaus eine Charaktereigenschaft sein. Schließlich bringt jeder Hund seine eigene Individualität und Persönlichkeit mit. Manche Hunde können eine stärkere Veranlagung mitbringen und viel empfänglicher als andere Hunde oder Hunderassen sein.
Ebenso spielt die genetische Disposition und die Einwirkungen im Mutterleib auf seinen Stoffwechsel eine Rolle. Gerade letzteres ist ein wichtiger Aspekt in der Hundeentwicklung. Im Mutterleib wird der Stoffwechsel des Hundes angelegt. Ist die Mutterhündin stark gestresst, richtet sich der Stoffwechsel darauf ein. Die ungeborenen Welpen werden durch die Verbindung mit der Mutterhündin dahingehend beeinflusst und passen ihren Stoffwechsel an. Infolge dessen werden auch sie nach der Geburt eine starke Tendenz zu gestresstem Verhalten zeigen.

Veranlagung

Die Zeit nach der Geburt ist für die Hundeentwicklung ebenfalls sehr entscheidend. Diverse Einwirkungen können gerade in den ersten Wochen Einfluss auf das Hormonsystem des Hundes nehmen. Dazu zählen vor allen Dingen Krankheiten und Infektionen, langanhaltender Stress oder gar traumatische Erlebnisse. Die Zeit beim Züchter mit einer gesunden Entwicklung und einer kleinschrittigen Förderung der Welpen ist sehr entscheidend für das gesamte Hundeleben.

Zucht

Dabei spielt die Zucht selbst auch eine wichtige Rolle. Wir Menschen verändern die Hunde immer mehr, um sie auf gewünschte Verhaltensweisen oder auf ein besonderes Aussehen hin zu selektieren. Allerdings ist die Genetik ein sehr umfangreiches Unterfangen und ungewollte Folgen nicht immer vorhersehbar. So können Veränderungen jeglicher Art auch zu Problemen der Gesundheit führen.

Erkrankungen

Selbstverständlich können auch organische Ursachen für ein impulsives Verhalten des Hundes sogen. Neben andauernden Schmerzen können auch chronische Erkrankungen wie der Schilddrüse beispielsweise zu heftigen Reaktionen des Hundes führen. Denn schließlich wirken auch solche Geschehnisse sehr stark auf den Körperstoffwechsel ein. Zusätzlich können bestimmte Krankheiten wie Staupe, Tollwut oder auch Borreliose zu Verhaltensänderungen führen und somit Störungen der Impulskontrolle auslösen.

Mensch-Hund-Beziehung

Nicht zuletzt spielt genauso der Hundehalter eine entscheidende Rolle bei dieser Thematik. Hat ein Hund die Neigung zu impulsivem Verhalten, muss der Hundehalter in seiner Erziehung und Ausbildung Rücksicht auf das individuelle Bedürfnis seines Hundes nehmen. Nur so kann er das Risiko von einem zukünftigen Problemverhalten minimieren.

Impulskontrollstörung - und jetzt?

Ist bei deinem Hund eine Impulskontrollstörung diagnostiziert, kann dir ein Hundeverhaltensberater dabei helfen, das Verhalten deines Hundes und die Zusammenhänge zu verstehen, um im Alltag besser mit der Problematik zurecht zu kommen. Viele Verhaltensweisen lassen sich durch entsprechendes Training umlenken und leichter händeln. Oft reichen schon kleinere Veränderungen, um den Alltag entspannter und strukturierter zu gestalten. Und Struktur bringt Beständigkeit und somit mehr Ruhe in deinen Alltag.

Was tun bei mangelnder Impulskontrolle?

Bei mangelnder Impulskontrolle bei Hunden gibt es einige Möglichkeiten und Ansätze, mit dem Hund zu arbeiten. Dabei können bereits kleine Veränderungen im Alltag helfen, dem Hund mehr Ruhe und Konzentration beizubringen.

Trainingsvoraussetzungen

Je nachdem, wie stark das Verhalten deines Hundes ausgeprägt ist, kann es viel Kraft kosten und manchmal auch auf das Gemüt schlagen. Doch Tatsache ist, jeder Hund ist ein Individuum. Er hat seine persönlichen Eigenschaften, Erfahrungen und seine genetische Veranlagung. Es ist daher wichtig, den eigenen Hund auch in solch schwierigen Momenten zu akzeptieren und das Positive in ihm zu sehen. Hunde gestalten unseren Alltag abwechslungsreich und aufregend. Sollte deine Stimmung oder Einstellung dich zum jetzigen Zeitpunkt negativ beeinträchtigen, so versuche, dir die positiven Seiten deines Hundes ins Gedächtnis zu rufen. Dies kann dir helfen, mit ganzer Kraft ein gemeinsames Training besser umzusetzen.

Lernen soll euch beiden Spaß machen. Wähle Belohnungen für das Training, die dein Hund gerne mag. Darüber hinaus kann dir ein konditioniertes Lobwort helfen, deinen Hund punktgenau in der bestimmten Trainingssituation zu bestätigen. Du kannst dafür auch den Clicker verwenden. Dreht dein Hund jedoch zu stark vor Freude auf, lass besser den Clicker weg und nutze stattdessen ein mit Ruhe konditioniertes Lobwort.

Möchtest du, dass dein Hund ein Verhalten abbricht und suchst nach einer Trainingsmethode, so berücksichtige dabei die Persönlichkeit deines Hundes. Er sollte zwar lernen, einen gewissen Stresspegel auszuhalten und Frust zu ertragen. Wichtig ist jedoch, nicht zu viel Stress aufzubauen. Bei mangelnder Impulskontrolle kann starkes und falsches Strafen noch mehr Stress bei deinem Hund auslösen.

Die richtige Beschäftigung finden

Ein wesentlicher Bestandteil beim Training bei mangelnder Impulskontrolle bei Hunden ist, diesen richtig und sinnvoll zu beschäftigen. Diese Hunde sind in der Regel sehr aktiv und können durch falsch gewählte Beschäftigungsmöglichkeiten noch mehr gepusht werden. Das kann schnell passieren, weil häufig unruhiges Verhalten mit Langeweile oder Unterforderung verwechselt wird.

Die kognitive und körperliche Auslastung ist für jeden Hund wichtig. Doch gerade Hunde mit mangelnder Impulskontrolle benötigen ein gesundes Gleichgewicht zwischen kognitiver Beschäftigung und ruhiger und langsamer, körperlicher Betätigung. Schnelle Spiele wie Ball werfen, Frisbee oder andere, auf Tempo ausgelegte Tätigkeiten, helfen dem Hund nicht, gelassener und ruhiger zu werden. Im Gegenteil, der Hund wird noch schneller reagieren.

Suche dir also lieber ruhige Beschäftigungen aus, die deinen Hund mental und körperlich fordern. Fährtenarbeit oder Suchspiele lassen deinen Hund mit seiner Nase arbeiten und dies strengt ihn ordentlich an – die ideale geistige Beschäftigung. Körperlich solltest du deinen Hund ebenfalls ruhiger auslasten. Gleichmäßige Bewegungen wie beim Joggen oder Wandern können Ruhe bringen und deinem angespannten Hund helfen, runter zu kommen. Geschicklichkeitsübungen oder solche, die das Gleichgewicht schulen, kannst du ebenso in euren Alltag einbauen. Dein Hund sollte dabei allerdings stets ruhig und konzentriert arbeiten.

In der Ruhe liegt die Kraft

Ruhe zu erlernen ist für Hunde mit mangelnder Impulskontrolle besonders wichtig. Viele alltägliche Situationen bedeuten bereits Stress für diese Hunde und versetzen sie in einen hohen Erregungszustand. Es ist daher wichtig, Stress zu vermeiden und ihnen im Alltag Routine und eine Struktur zu bieten, die ihnen Sicherheit vermittelt.
Kann dein Hund lernen zu entspannen, können auch stressauslösende Situationen besser gemeistert werden. Gleichwohl ist neben dem Erlernen von Entspannung auch ein ruhiger Umgang mit deinem Hund. Deine eigene Stimmung kann sich auf deinen Hund leicht übertragen, natürlich auch umgekehrt. Bist du selbst innerlich entspannt und ruhig, kann sich dein Hund viel besser an dir orientieren.
Als hilfreich hat sich die Einführung eines Ruhesignals bewiesen, um aufregende Situationen besser und schneller aufzulösen.

Vielleicht wird sich dein Hund bei Sichtung eines Artgenossen nicht sofort entspannt hinlegen, aber in solch einer Situation viel schneller zur Ruhe kommen können, wenn ihr fleißig trainiert habt. Dein Hund wird mit dem Ruhesignal einen entspannten Zustand verknüpfen. Du kannst dies auch mit einer Decke verbinden und deinen Hund zum Entspannen auf die Decke schicken und ihn dort zur Ruhe kommen lassen.
Das Entspannungstraining solltet ihr zunächst Zuhause beginnen und festigen. Zeigt dein Hund es dort zuverlässig, folgt erst der nächste Schritt. Ihr wechselt den Ort. Geringe Ablenkungen können nun eingebaut werden.

Leinenführigkeit erleichtert das Handling

Neben dem Erlernen eines Ruhesignals können weitere Signale das Training und somit euren Alltag erleichtern.

Die Leinenführigkeit ist ein wesentlicher Bestandteil in der Hundeerziehung. Schließlich möchte jeder lieber mit einem entspannten Hund an lockerer Leine spazieren gehen. Dies beinhaltet auch das Passieren anderer Hunde. Für Hunde mit Problemen der Impulskontrolle ist es häufig schwer, an lockerer Leine an anderen Hunden vorbeizulaufen. Hierbei solltest du schon mal zwei verschiedenen Situationen bedenken, zum einen die wirkliche Trainingssituation und zum anderen die Alltagssituation, in der du diesen Moment „einfach nur“ managen musst und kein Training stattfindet.

Für das Training mit anderen Hunden benötigst du Unterstützung von einem Statisten mit Hund, der in einiger Entfernung mit seinem Vierbeiner wartet. Das Training umfasst also eine gestellte Situation, in der du auf den Verlauf Einfluss nehmen kannst, beispielsweise auf die Distanz zum anderen Hund, den du nach Bedarf vergrößern oder verkleinern kannst.

Überlege dir vorab genau, was dein Hund tun soll. Zum Beispiel kann er neben dem lockeren Laufen an der Leine auch regelmäßig Blickkontakt zu dir aufnehmen. Starte in einer Entfernung mit dem Training, in der dein Hund noch entspannt an der Leine läuft und den anderen Hund auch schon sehen kann. Reagiert dein Hund bei dieser Entfernung und wirft sich in die Leine, musst du den Abstand vergrößern.

Bleibt er hingegen beim Anblick ruhig, kannst du ihn loben. Möchtest du den Blickkontakt und hast dafür kein antrainiertes Signal, sprich deinen Hund mit seinem Namen an. Blickt er dich daraufhin an, lobe ihn wieder dafür. Du kannst die Spannung dieser Situation auch nehmen, indem du deinen Hund körpersprachlich einlädst, mit dir aus der Situation zu gehen. Schafft er es, locker mit dir mitzulaufen, lobe ihn. Der nächste Schritt ist, ein wenig näher an den anderen Hund heranzutreten, natürlich immer an lockerer Leine.

Nimm dir für diese Trainingsschritte ausreichend Zeit und reduziere den Abstand zum anderen Hund immer nur ganz wenig. Dein Hund und du sollten jedes Mal mit einem positiven Gefühl aus der Situation gehen.


KristinaKristina Ziemer-Falke ist zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensberaterin durch die Tierärztekammer Schleswig-Holstein und das Messerli Forschungsinstitut der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Darüber hinaus verfügt sie über viele Zusatzausbildungen und Schwerpunkte und ist im Prüfungsausschuss der Tierärztekammer Niedersachsen für die Hundetrainerzertifizierungen.
Mit ihrem Mann Jörg Ziemer gründete sie das Schulungszentrum Ziemer & Falke, in dem sie seit vielen Jahren mit viel Herz, Leidenschaft und Kompetenz Hundetrainer in ganz Deutschland ausbilden und viele Weiterbildungsangebote anbieten. Viele kennen Kristina außerdem als erfolgreiche Autorin von Fachbüchern für Hundetrainer und Hundehalter sowie aus Artikeln beliebter Hundezeitschriften. Als Dozentin ist Kristina Ziemer-Falke sehr gefragt und deutschlandweit auf Seminaren und Vorträgen zu Themen rund um den Hund anzutreffen.


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